Projekt Infopoint

Das Projekt Infopoint kann auf diesen Seiten leider nicht vollständig beschrieben werden. Wir möchten an dieser Stelle nur einige Anhaltspunkte zu unserer Motivation für dieses Projekt geben. Interesse an mehr? Nehmt Kontakt auf!

A. Knappe Analyse aktueller gesellschaftlicher Prozesse:

Die gesellschaftlichen Beziehungen einer kapitalistischen Gesellschaft sind durch einen Imperativ zur Individualisierung gekennzeichnet: „Eigenes geht vor Gemeines“, ist konstituierend für ein solches System. Verdeckt wurden diese Prozesse in der BRD in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg durch die Theorie und Praxis der so genannten Sozialpartnerschaft. Deren Funktionsweise war geknüpft an die Bedingungen einer bestimmten Produktionsweise, eines beständigen Wirtschaftswachstums und einer Zuweisung der Reproduktionsarbeit. Ihr Kennzeichen war eine keynesianistische Wirtschaftspolitik in Kombination mit einer ausgeprägten Sozialpolitik. Damit war die Sozialpartnerschaft der institutionalisierte Klassenkompromiss.

Dieser große Gesellschaftsvertrag ist in den letzten 20 Jahren einseitig gekündigt worden. Stück für Stück und auf allen Ebenen. Die neoliberale Agenda bedeutet eine Gleichzeitigkeit von Sozialabbau und verschärften Verwertungsbedingungen. In besonderem Maße zeitigt diesen Prozess eine Individualisierung und Privatisierung von sozialen und politischen Rechten. Die Folge dieser Differenzierung ist die Hierarchisierung gesellschaftlicher Schichten und Gruppen.

Die sozialen Wirkungen des Neoliberalismus werden als Prozesse der Prekarisierung bezeichnet. Die Einführung dieser Begrifflichkeit wurde und wird kritisiert; zumeist, weil sie Phänomene und Wirkungsweisen beschreibt, die dem Kapitalverhältnis immanent und daher nicht neu sind. Seine Berechtigung erfährt der Begriff jedoch, wenn er nicht auf die Beschreibung, sondern auf die Lösung des Problems gedacht und angewandt wird. Das Phänomen der Prekarisierung – und die bewusste Verwendung dieses Begriffs – bedeutet auch die Suche nach neuen Lösungen. Deutlich ausgesprochen: Lösungen abseits der Idee der Sozialpartnerschaft und deren Bedingung auf ein „Recht auf Arbeit“.

B. Knappe Beschreibung der lokalen Ausgangssituation:

Karlsruhe ist ein neoliberales Projekt mit dem Arbeitstitel „TechnologieRegion“. Das Profil des Projekts schärft die Abteilung Marketing, die Kennzeichen sind Firmenparks, Shopping-Malls, tiefer gelegte Straßenbahnen, ein Kongresshotel, ein Flughafen, eine Messe, aber auch überdimensionierte Stadtschilder, die Idee eines Kulturparks oder eines Freizeitbades. Damit einher geht die Umverteilung von Geldern im Wohnungsbau oder die Kürzung von Haushalten öffentlicher, sozialer Träger. Die Sicherungsleine wird den BürgerInnen in Form des Ehrenamts umgebunden.

Karlsruhe kennt daher auch die beständige Verteuerung des öffentlichen Nahverkehrs, die Praxisgebühr, die Obdachlosigkeit, das Arbeitslosengeld II und die 1-Euro-Jobs, die steigenden Gaspreise, bald die Studiengebühren, die Privatisierung der Renten, befristete Arbeitsverhältnisse, Arbeitslosigkeit und Armut. Lebenserhaltende Wirkung verspricht in der TechnologieRegion die Dienstleistung. Gern auch als Leiharbeit.

C. Motivation und Idee des Projektes Infopoint

Wir alle sind, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen, konfrontiert mit den bundesweiten Wirkungen der Agenda 2010, aber auch den lokalen Besonderheiten des neoliberalen Projektes „Karlsruhe“. Bisher haben wir stets versucht, das „Du, meine Leihfirma zahlt mir kein Urlaubsgeld“, das „Du, in die Kneipe kann ich bei 345 Euro im Monat leider nicht mitkommen“ oder das „Du, Studieren und Arbeiten packe ich nicht“ privat zu lösen versucht.

Das Projekt, das wir anstoßen wollen, soll daher nicht nur von uns, sondern auch für uns sein: Es ist der Versuch, die eigene, (mehr oder weniger) prekäre Lebensrealität zum Ausgangspunkt eines politischen und sozialen Projektes zu machen. Die Idee ist einfach: Der Infopoint soll ein realer und virtueller Ort des Austauschs zur Selbstorganisierung und Selbsthilfe sein, ein unkommerzieller Pool des Nehmens und Gebens.

Die umfassenden Angriffe auf Beschäftigungsverhältnisse und soziale Sicherungssysteme legen für uns nahe, dass eine große Zahl von Menschen (zumindest individuelle) Erfahrungen mit den Auswirkungen neoliberaler Politik machen muss(te). Genau diese individuellen Erfahrungen möchten wir mit dem Projekt zusammenführen und zur Ressource für gemeinsamen Widerstand machen: Der Infopoint soll auf diese Weise ein integratives Netzwerk, das Erfahrungen aus unterschiedlichen sozialen Auseinandersetzungen und Kämpfen kollektiviert, darstellen und Ausgangspunkt zur Selbstorganisierung werden. Damit überwindet das Projekt Infopoint den Imperativ zur gesellschaftlichen Individualisierung und kann Ausgangspunkt für die Aufnahme solidarisch geführter Kämpfe werden. Als emanzipatorisches und widerständisches Projekt soll dessen Praxis unmittelbar an die Bedingungen neoliberalen Alltagsrealitäten anknüpfen.

März 28 2008 02:17 pm

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